1. Sexualpädagogik als wissenschaftliche Disziplin muss sich mit der in der Gesellschaft vorhandenen Pluralität und Diversität auseinandersetzen. Diese Vielfalt erfasst verschiedene Aspekte der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, u.a. diverse sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, ethische, kulturelle und religiöse Überzeugungen sowie Erfahrungen mit und Einstellungen zu Sexualität und Beziehungen. Vielfalt existiert – wie empirische Studien nachweisen – bereits in den Erfahrungen und Überzeugungen von Heranwachsenden und muss ihnen nicht erst nahe gebracht, sehr wohl aber pädagogisch begleitet werden. Sexualpädagogik hat die gesetzlich verbriefte und ethisch gebotene Berücksichtigung der gelebten sexuellen Vielfalt umzusetzen: anti-diskriminierend und bildend-ermöglichend.

2. Sexualpädagogik als Praxis unterstützt Kinder und Jugendliche in ihrer psychosexuellen Entwicklung, indem sie Angebote schafft, in denen sie sich mit Themen wie Körper, Liebe, Beziehung, Lust, Sinneserfahrungen und Grenzen auseinandersetzen. Das ist grundsätzlich notwendig, vor allem aber weil Sexualität in der Gesellschaft tabuisiert, medial inszeniert, kommerzialisiert sowie politisiert wird. Sexualpädagogik bietet einen geschützten Raum, in dem Heranwachsende gemeinsam, persönlich und nah an ihren eignen Erfahrungen über Sexualität, Liebe und Moral reden und sich austauschen können. Dabei können sie eigene Haltungen entwickeln und reflektieren. Ein wichtiges Ziel für Kinder und Jugendliche ist es zu lernen nicht zu diskriminieren und andere in ihrem Anderssein anzuerkennen. Für lesbische, schwule, hetero-, a-, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Jugendliche und junge Erwachsene ist es darüber hinaus wichtig, Solidarität und Unterstützung sowohl durch professionelle Kräfte als auch durch andere Jugendliche zu erfahren, damit sie ein stabiles Selbstbewusstsein entwickeln können.

3. Die ethisch-rechtliche Ausrichtung der Sexualpädagogik basiert in einer demokratischen Gesellschaft auf den Menschenrechten, dem Grundgesetz und dem Gleichbehandlungsgesetz. Diese garantieren auch in den Bereichen von Sexualität und Partnerschaft das Recht, ein Leben in Selbstbestimmung zu führen mit der Verpflichtung, andere durch das eigene Verhalten nicht zu schädigen. Eine in der Tradition politischer Aufklärung und gesellschaftlicher Humanität stehenden Erziehung zur Mündigkeit übernimmt die Verantwortung, Kinder und Jugendliche entwicklungsangemessen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Sexual- und Liebesleben zu begleiten und für deren Schutz Sorge zu tragen. Zu einer selbstbestimmten und verantwortungsvollen Sexualität gehört das Erkennen und Achten der eigenen Grenzen und derer des Gegenübers.

4. Sexualerziehung in öffentlicher Verantwortung ist dieser rechtlich-ethischen Ausrichtung auf Selbstbestimmung verpflichtet und darf keine „richtige“, „natürliche“ oder „gelungene“ Form von Liebe, Beziehung und Sexualität vorschreiben. Sie muss für verschiedene Wertauffassungen offen sein, den Dialog fördern und in wechselseitige Anerkennung einüben. Diesem Zweck dient auch die Kooperation zwischen Schule und Elternhaus.

5. Sexualpädagogik als Profession wurde in den letzten 30 Jahren in Fachorganisationen, Ausbildungsinstituten sowie Hochschulen mit vielfältigen Qualifizierungsmaßnahmen vorangebracht. Es wurden didaktische Materialien für ganz unterschiedliche Jugendliche entwickelt: verschiedene Geschlechter, Altersgruppen, Heranwachsende mit unterschiedlichen kognitiven Fähigkeiten, sozialer Herkunft, religiösen Einstellungen und sexuellen Orientierungen. Dabei wurde auch die Auseinandersetzung mit umstrittenen Themen, wie z. B. Prostitution, Schwangerschaftskonflikten oder Pornografie einbezogen. Es bleibt die Aufgabe der jeweiligen Lehrpersonen und Fachleute, die vielfältigen Anregungen gezielt auf spezifische Zielgruppen und Situationen zu beziehen und Prozesse des Nachdenkens anzuregen, um eine eigene Meinungsbildung zu ermöglichen. Das ist die Kernaufgabe von Sexualpädagogik als Profession.

6. Sexualpädagogik wirkt präventiv, wenn sie Kinder und Jugendliche dazu befähigt, sich auch mit problematischen Aspekten von Sexualität und Beziehung auseinanderzusetzen, anstatt diese zu tabuisieren. Dazu gehört z. B. die Thematisierung ungewollter Teenagerschwangerschaften, sexuell übertragbarer Infektionen und sexualisierter Gewalt. Es ist durch die Forschung ausreichend belegt, dass Verbote, Abschreckung und kognitive Aufklärung allein keine präventive Wirkung haben. Sexualpädagogische und präventive Konzepte sollten im Leitbild jeder Einrichtung, die mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, verankert sein. Die Vernetzung mit Fachstellen, die gegen sexualisierte Gewalt arbeiten, ist ein weiteres Merkmal professioneller Sexualpädagogik.

Kiel, 18. September 2014

Gesellschaft für Sexualpädagogik