Sexualpädagogik

Die gesellschaftlichen Normen betreffend Sexualität haben sich seit den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts stark gewandelt. Traditionelle Verhaltensweisen, kulturelle Regeln und moralische Werte sind ins Wanken geraten. Junge Menschen haben heute weitgehend die Möglichkeit, ihren eigenen Weg in der Sexualität zu gehen. Ihnen wird dadurch sehr viel Eigenverantwortung übertragen. Gleichzeitig fehlen jedoch klare Leitplanken und damit die Orientierung in derSexualität. Dies führt bei vielen Jugendlichen, Lehrpersonen und Eltern zu einer Verunsicherung im Umgang mit der Sexualität.

Für Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen stellen sich dabei Fragen: Wer greift das Thema «Sexualität» auf? Wer spricht das «heikle» Thema an? Wie können wir mit den Kindern/Jugendlichen darüber reden? Wie wird Sexualität überhaupt vermittelt? Sexualerziehung gehört in erster Linie in den Verantwortungsbereich der Familie. Immer wieder und in unterschiedlicher Form ist Sexualität aber auch ein Thema in der Schule, sodass Sexualerziehung und entsprechende Informationen auch Aufgaben der Schule sind. Folgerichtig ist Sexualerziehung als Bestandteil im Lehrplan auf allen Stufen der Volksschule festgeschrieben, zumal Erziehung hin zu einem gesunden Sexualleben auch in der Verantwortung und im Interesse der öffentlichen Hand sein muss. Gemeinsam bieten Familie und Schule Gewähr, dass Sexualerziehung als integrierender Teil in die gesamte Gesundheitserziehung von Kindern und Jugendlichen einfliesst.

Die Notwendigkeit professioneller Sexualaufklärung für Jugendliche wurde im Kanton St.Gallen erst Mitte der 80er- bis Anfang der 90er-Jahre im Zusammenhang mit der öffentlichen Diskussion um HIV/AIDS und dem Thema der sexuellen Ausbeutung erkannt. Ausgehend von den bedrohlichen Aspekten der Sexualität waren die daraufhin durchgeführten Veranstaltungen schwerpunktmässig geprägt von Inhalten zur Prävention und zum Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten.

Heute verstehen wir unter dem Begriff Sexualpädagogik weit mehr als biologische Aufklärung. Sexualpädagogisch arbeiten gehört zur ganzheitlichen Gesundheits-förderung und heisst, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bei der Entwicklung ihrer sexuellen Identität altersgerecht, einfühlsam und kompetent zu begleiten und zu unterstützen. Zielsetzung ist dabei, dass sie ihre Sexualität verantwortungsvoll, gesund, selbstbestimmt, lustvoll und sinnlich entfalten und leben können.

Heidi Hanselmann, Regierungsrätin

Vorsteherin des Gesundheitsdepartementes des Kantons St .Gallen

 

Sexualpädagogische Grundlagen

sicher! gsund! Grundlagenpapier Sexualpädagogik im Kanton St. Gallen 2013 Download

Sexualpädagogik Hochschule Luzern 2008 Download

Repräsentative Schülerbefragung Download
Looser, D. & Fuchs, W. (2006). Sexualpädagogik und HIV-Prävention an Oberstufen der Kantone St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden. Eine repräsentative Schüler_innenbefragung in der 9. Klasse. Eine Evaluation im Auftrag der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen der Kantone St. Gallen und beider Appenzell. Kompetenzzentrum Forschung, Entwicklung und andere Dienstleistungen.

Lehrplan 21 Link zu den Downloads

Schmidt, R.-B. & Sielert, U. (Hrsg.)(2008). Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. Weinheim: Juventa.

 

Sexuelle Gesundheit

„Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert sexuelle Gesundheit als Zustand physischen, emotionalen, geistigen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität. Das bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen. Sexuelle Gesundheit setzt einen positiven und respektvollen Zugang zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus, wie auch die Möglichkeit, genussvolle und risikoarme sexuelle Erfahrungen zu machen, frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Sexuelle Gesundheit lässt sich erlangen und erhalten, wenn die sexuellen Rechte der Menschen geachtet, geschützt und garantiert werden.

Sexuelle Gesundheit der Schweizer Bevölkerung
Sexuelle Gesundheit interessiert in Bezug auf Individuen, auf Gruppen oder auf die ganze Bevölkerung eines Landes. Public Health (für die öffentliche Gesundheit) relevant ist sexuelle Gesundheit v.a. in Bezug auf Gruppen und die ganze Bevölkerung. Indikatoren für die sexuelle Gesundheit der Bevölkerung sind z.B. die Inzidenz von sexuell übertragbaren Infektionen wie etwa HIV, Syphilis, Gonorrhoe und Chlamydien, die Sterblichkeitsraten aufgrund von Gebärmutterhals- oder Prostatakrebs, die Zahl der Teenagerschwangerschaften, die Raten von Schwangerschaftsabbrüchen und Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt, aufgeschlüsselt nach Kriterien wie Geschlecht, Alter oder Herkunft, die Inzidenz sexueller Gewalt, das Monitoring der sexuellen Verhaltensweisen, sowie das Eintrittsalter in die aktive Sexualität, die Verwendung von Kondomen oder die Zahl der Gelegenheitspartner_innen.
Zur Verbesserung der sexuellen Gesundheit tragen zum Beispiel die im Rahmen des Nationalen Programms HIV und andere sexuell übertragbaren Infektionen 2011␣2017 (NPHS) umgesetzten Aktivitäten des Bundesamts für Gesundheit und der Umsetzungspartner bei9, die Angebote der Beratungsstellen zu Schwangerschaften, Massnahmen zur Prävention und Behandlung von Gebärmutterhalskrebs, Darmkrebs und Brustkrebs und Angebote der Sexualaufklärung im Rahmen der Schule bei. Es handelt sich dabei aber um Programme, Projekte, Angebote und Massnahmen, die nicht in ein umfassendes Konzept zur sexuellen Gesundheit eingebettet sind. Damit sind die Vorgaben von Gesundheit 2020, der Gesamtschau des Bundesrates über die Schweizer Gesundheitspolitik, auch in diesem Bereich noch nicht erfüllt. Als Schwächen des heutigen Systems nennt Gesundheit 2020 unter anderem die starke Fragmentierung des Gesundheitssystems, die mangelnde Transparenz, die eine gezielte Steuerung behindert, Fehlanreize und Ineffizienz, uneinheitliche Qualitätssicherung und ungenügende Investitionen in Gesundheitsförderung, Prävention und Früherkennung. Gesundheit 2020 definiert vier zentrale Handlungsfelder für die Schweizer Gesundheitspolitik:

1) Lebensqualität sichern

2) Chancengleichheit und Selbstverantwortung stärken

3) Versorgungsqualität sichern und erhöhen

4) Transparenz schaffen, besser steuern und koordinieren.

Im Bereich sexuelle Gesundheit bestehen u.a. die genannten Lücken und Mängel, die mit einem umfassenden, nationalen und ganzheitlichen Ansatz behoben werden können. Dies würde der Effizienz und Kohärenz der Angebote und Massnahmen dienen, und gleichzeitig könnten die sexuellen Rechte besser gefördert und Diskriminierung und Stigmatisierung besser bekämpft werden.
Eine ganzheitliche Strategie würde nicht nur Entwicklungen auf internationaler, sondern auch auf nationaler und kantonaler Ebene entsprechen: Während sich die Schweiz international etwa in ihrer Position zur Post-2015-Agenda für ein eigenständiges Entwicklungsziel Maximierung der Gesundheit in allen Lebensbereichen sowie ein Unterziel sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte einsetzt, gibt es bereits in mehreren Kantonen Bestrebungen, die Aktivitäten im Bereich sexuelle Gesundheit neu zu organisieren und entsprechende Strategien zu entwickeln. Damit dies koordiniert und kohärent geschieht, braucht es auf allen Ebenen umfassende und akzeptierte Konzepte zur sexuellen Gesundheit.“

aus: Sexuelle Gesundheit ␣ eine Definition für die Schweiz (EKSG) 2015.

 

Grundlagen zu sexueller Gesundheit

Eidgenössische Kommisson für Sexuelle Gesundheit EKSG: Sexuelle Gesundheit  – eine Definition für die Schweiz, 2016  PDF

Stiftung Sexuelle Gesundheit Schweiz SGS: Für die Bildung zur sexuellen Gesundheit in der Schweiz. Ziele, Standpunkte und Empfehlungen, 2010 PDF

International Planned Parenthood Federation (IPPF): Sexuelle Rechte, 2009 PDF 

Gesundheitsförderung Schweiz. Strategie „Gesundheit 2020. Faktenblatt 19: Geschlechtliche und sexuelle Minderheiten in Gesundheitsförderung und Prävention. Zielgruppe Kinder und Jugendliche, 2016 PDF

Bekämpfung von Homophobie und Transphobie. Vorschläge für den Unterricht. Hrsg. UNESCO 2012 Download