Interview mit Angela Lagler, einer HIV-Betroffenen, und Myshelle Baeriswyl, Geschäftsleiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen in St.Gallen, zu «35 Jahre HIV-Entdeckung»

Von Stephan Sigg, Pfarreiforum

Eine Ansteckung mit HIV hat sich von einer tödlichen zu einer chronischen Krankheit gewandelt, die sich mit Medikamenten in den Griff bekommen lässt. Trotzdem sind Menschen mit HIV im Alltag noch immer grosser Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt. Warum dominieren die Ängste und Vorurteile bis heute?

Pfarreiforum: Frau Lagler, vor kurzem sendete die SRF-Gesundheitssendung«Puls» ein Porträt über Sie. Wie sind die Reaktionen darauf ausgefallen?

Angela Lagler: «Ich habe nur Gutes gehört. In meinem privaten Umfeld wissen es einigeschon längstens, da ich sehr offen mit dem Thema umgehe. Andere HIV-Betroffene gratulierten mir und bedankten sich dafür.» Viele HIV-Positive haben Angst, sich zu outen. Sie befürchten negative Reaktionen…

Myshelle Baeriswyl: «…und dies teilweise zu recht. Ich kann gut verstehen, wenn sich HIVpositive Menschen nicht outen. Aus Selbstschutz, zudem ist eine Ansteckung Teil der Privatsphäre. Umgekehrt sind wir in der Prävention, zum Beispiel bei Podiumsveranstaltungen, Interviews oder auch bei unserem Schulprojekt «Menschen mit HIV» darauf angewiesen, dass es Betroffene gibt wie Angela Lagler, die HIV ein Gesicht geben. Das trägt dazu bei, Vorurteile und Ängste abzubauen. Wie die Zahl der Diskriminierungsmeldungen bei der Rechtsberatung der Aids-Hilfe Schweiz belegt, ist die Diskriminierung und Stigmatisierung auch heute noch häufig: Bei Versicherungen, bei Krankenkassen, bei Hausärztinnen und -ärzten … Es sind Fälle bekannt, wo HIV-Positive beim Zahnarzt nur den letzten Termin am Abend bekommen, weil angeblich alle Geräte nach der Behandlung besonders gereinigt werden müssen, oder Pflegepersonal, das Angst vor einer HIV-Ansteckung hat. Dabei ist schon seit 2008 bekannt, dass HIV-Positive, die in Therapie sind und deren Virenlast nicht nachweisbar ist, nicht mehr ansteckend sind.»

Angela Lagler: «Ich habe den offenen Umgang mit dem Thema immer als befreiend erlebt. Jetzt nach der «Puls»-Sendung wissen es nochmals einige mehr. Ich kann meine Medikamente auch mal stehen lassen. Aber es ist schon so: Während mein soziales Umfeld keine Mühe hat, haben andere HIV- Betroffene negative Erfahrungen gemacht. Es kommt noch immer vor, dass Personen, die sich im beruflichen Umfeld outen, unter einem Vorwand gekündigt werden.»

In den Medien sorgte kürzlich die Sängerin Conchita Wurst für Aufsehen, als sie nach einem Erpressungsversuch sich öffentlich dazu bekannte, HIV-positiv zu sein.

Angela Lagler: «Und was ist passiert? Die Reaktionen waren, so wie ich es mitbekommen habe, doch durchwegs positiv. Das Beispiel Conchita rückt noch einen anderen Aspekt ins Bewusstsein: Ich kann Karriere machen, ich kann Erfolg haben und Teil des ganz normalen Lebens sein, auch wenn ich HIV-positiv bin.»

Myshelle Baeriswyl: «Ein Erpressungsversuch in Zusammenhang mit HIV – allein das zeigt doch, dass unsere Gesellschaft den Umgang mit diesem Thema noch nicht gelernt hat.»

Warum sind die Ängste immer noch so gross?

Myshelle Baeriswyl: «Viele haben noch immer die Bilder im Kopf, die damals durch die Medien gingen: Die ausgemergelten Gesichter von Aids-Erkrankten, die Sterbenden. In Präventionskampagnen wurde dies teilweise aufgegriffen. Es geht um Urängste. Eine HIV-Infektion kam einem Todesurteil gleich, das hat sich bis heute festgesetzt. Auch ist es erstaunlich, wie viel Unwissen und falsche Annahmen betreffend Ansteckungswege auch bei uns in der Schweiz bis heute verbreitet sind. Nur ein Beispiel: Eine HIV-positive Person erzählte mir kürzlich, dass jemand aus lauter Angst vor einer Ansteckung auf das gemeinsame Fondueessen verzichtete.»

Die «Stop-Aids»-Kampagnen brachten das Thema in den letzten Jahrzehnten immer wieder in die Öffentlichkeit. Ein Fluch oder ein Segen?

Myshelle Baeriswyl: «Die Präventionskampagnen waren und sind bis heute unerlässlich, um das Thema in der Öffentlichkeit zu halten. Die Kampagnen waren ja auch gut gemacht, rüttelten wach und haben sich eingeprägt. Unvergessen Charles Clerc mit dem legendären Auftritt in der Tagesschau mit der Banane und dem Kondom; oder der Slogan «im Minimum en Gummi drum». Auf der anderen Seite ist es befremdlich, dass in der Schweiz erst wenige wissen, dass sich HIV längst von einer tödlichen in eine chronische, medikamentös kontrollierbare Erkrankung gewandelt hat. HIV-Positive in Therapie und einer Virenlast unter der Nachweisgrenze sind nicht mehr ansteckend und können auch ungeschützten Geschlechtsverkehr haben. Die damalige Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen (EKAF) hat dies schon vor zehn Jahren im sogenannten «Swiss Statement» publiziert. Aber es scheint, als hätten wir es in der Kampagnen- Arbeit bisher verschlafen, diese Tatsache an die breite Öffentlichkeit zu bringen. Dabei könnte dieses Wissen massgeblich dazu beitragen, Ängste und auch die Selbststigmatisierungen von Menschen mit HIV abzubauen.»

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«Schon seit 2008 ist bekannt, dass HIV-Positive, die in Therapie sind und deren Virenlast nicht nachweisbar ist, nicht mehr ansteckend sind.» Myshelle Baeriswyl

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Frau Lagler, Sie gehen regelmässig in Schulen, um über das Thema aufzuklären. Wieviel wissen die heutigen Jugendlichen?

Angela Lagler: «Erstaunlicherweise sind diese Schreckensbilder aus den 80er- und 90er-Jahren auch in den Köpfen vieler Jugendlicher. Oder sie haben das Gefühl, das Thema betreffe sie nicht und sie seien nicht gefährdet, weil sie nicht zu einer Risikogruppe gehören. Ich höre Vorurteile wie: HIV-Positive sind selber schuld! Es gibt aber auch Klassen, die von den Lehrpersonen schon gut aufgeklärt wurden.»

Myshelle Baeriswyl: «Diese moralische Bewertung von Ansteckungswegen ist auch heute noch real. HIV-Betroffenen wird sehr oft und sehr schnell die Frage gestellt, wie sie sich angesteckt haben. Solche Fragen sind eine massive Verletzung der Privatsphäre und zudem völlig irrelevant.»

Die Kirchen führten früher in Basel und in Zürich ein Aids-Pfarramt, letzteres wird nach dem Ausstieg der evangelisch-reformierten Kirche als hiv-aids-Seelsorge von der katholischen Kirche allein geführt. Wie erleben Sie die Kirchen im Umgang mit dem Thema HIV?

Angela Lagler: «In Zürich schufen die Kirchen damals früh ein Angebot für Menschen mit HIV und Aids-Kranke. Ich nahm früher oft bei den Angeboten des Aids-Pfarramts teil, da man dort andere Betroffene traf und sich austauschen konnte. Diese Gemeinschaft wurde für mich wie zu einer Familie. Wichtig und sehr erfreulich sind für mich die Gesten von Papst Franziskus. Er setzt Zeichen gegen Diskriminierung. Ich denke da zum Beispiel an die Medienberichte, als er einem HIV-Positiven die Füsse küsste.»

Kasten 1

20 000 HIV-Positive in der Schweiz

In der Schweiz leben rund 20 000 Menschen mit HIV. 2016 wurden 542 Neudiagnosen gestellt – eine Zunahme von einem Prozent im Vergleich zum Vorjahr. «Da für viele Menschen die Hürde, einen HIV-Test zu machen, aus verschiedenen Gründen noch immer sehr hoch ist, wissen einige gar nicht, dass sie HIV-positiv sind. Manche Infizierte suchen erst einen Arzt oder eine Ärztin auf, wenn die ersten Symptome auftreten», so Myshelle Baeriswyl. Ab Herbst 2018 werden HIV-Heim- bzw. Selbsttests
erhältlich sein. (ssi)

Kasten 2

Die Fachstelle für Aids- und Sexualfragen

Die Fachstelle für Aids- und Sexualfragen (AHSGA) für die RegionSt.Gallen-Appenzell bietet verschiedene Angebote im Bereich der HIV-Prävention und Sexualpädagogik an. Sie berät u.a. bei Diskriminierung und leistet Notunterstützung für HIV-Positive. Die Fachstelle wird zu rund sechzig Prozent von den Kantonen SG, AR, AI und einem Beitrag der Stadt St.Gallen finanziert, die restlichen vierzig Prozent erwirtschaftet die Fachstelle selber mit ihren Projekten und schulischen Einsätzen.
 
Weitere Informationen:

www.ahsga.ch

www.positive-frauen-schweiz.ch (Vereinigung von HIV-positiven Frauen)

 

 

Erschienen im Pfarreiforum, Juni 2018

Bild: Ana Kontoulis

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