Sehr geehrte damen bis herren, sehr geehrte herren bis damen

Diesen herbst hatte ich endlich zeit, Randy Shilts 1987 erschienenen klassiker über die anfänge der AIDS epidemie zu lesen. „and the band played on“. Zu deutsch: „Die geschichte eines grossen versagens.“ Spannend geschrieben wie ein thriller. Aber keine fiktion. Unglaublich akribisch und gut recherchiert. Pure fakten. Erschütternd, wie lange die politik zuwartete, bis sie endlich namhafte gelder zur forschung und prävention sprach. Als der damalige präsident Reagan 1987 seine erste ansprache zu AIDS hielt, waren in den USA bereits über 36‘000 menschen an AIDS erkrankt, knapp 21‘000 gestorben.

In der schweiz gelangte AIDS erstmals mit dem auftritt des journalisten André Ratti am 3. juli 1985 im schweizer fernsehen ins öffentliche bewusstsein: «Ich bin homosexuell und ich habe Aids». Mit diesem bekenntnis wollte Ratti als Präsident der neu gegründeten Aidshilfe Schweiz die prävention gegen diese krankheit verstärken und sie in das bewusstsein der öffentlichkeit bringen. 15 monate später, im oktober 1986, starb André Ratti an den folgen von AIDS. Auch Randy Shilts überlebte seine krankheit nicht und starb am 17. Februar 1994 im Alter von 42 Jahren an den folgen von AIDS. 1985 war übrigens auch das gründungsjahr der Aids-Hilfe SG-Appenzell. Unsere broschüre zum 30-jahr jubiläum liegt draussen auf.

Unter dem eindruck von shilts lektüre schrieb ich am 12. Oktober auf einer social media plattform folgendes:

„Jetzt leben wir seit über 35 jahren mit dem hi-virus. Die medizinischen fortschritte sind grossartig. Aber  fast täglich bekommen wir auf der fachstelle beratungsanfragen bzgl. vermeintlicher ansteckungsrisikosituationen, die nichts, aber auch gar nichts mit den bekannten infektionswegen zu tun haben. Unwissen gepaart mit purer angst und hoher stigmatisierung vermeintlicher zielgruppen.

Haben wir in der prävention etwas falsch gemacht?

Seit bald 10 jahren, seit dem swiss statement der Eidgenössischen Kommission für Aids Fragen EKAF (heute EKSG) am 30. januar  2008, wissen wir, dass hiv-positive menschen in therapie nicht mehr ansteckend sind. Aber der öffentlichkeit ist das kaum bewusst. noch immer grassieren ängste gegenüber hiv positiven menschen als wären sie aussätzige. 90 % der deutschen würden gemäss einer umfrage der BZGA keinen HIV-positiven menschen küssen aus angst vor ansteckung.

Haben wir in der prävention etwas falsch gemacht?

Und wenn sich, wie aktuell die PrEP, die Prä-Expositions-Prophylaxe, ein neues mittel zur verhinderung von HIV-neuansteckung verbreitet, regt sich allenthalben jener moralismus, der schon zu beginn der verbreitung des HI-virus prävention und aufklärung behinderte.

Genau 8 tage nach meinem post kursierte im web folgende nachricht. Die republikanische Abgeordnete Betty Price ziehe es in betracht, HIV-positive menschen unter quarantäne zu stellen, dies angesichts der hohen kosten, die sie dem staat für medizinische und pflegerische kosten verursachen. Ebenso ziehe sie es in betracht, deren sexualpartner zu kontrollieren und soziale kontakte zu verfolgen. Dies weil aufgrund der medizinischen fortschritte menschen mit HIV immer länger leben würden und damit länger eine gefahr darstellen – nicht wie früher, wo sie rascher starben. Zynischer, menschen verachtender geht’s kaum.

Vergessen ist ansteckend?

Nein. Betty Price ist ärztin und die frau von Tom Price, Trumps ehemaligem sekretär der Administration for Health and Human Services, zuständig unter anderem für fragen bzgl. des zugangs zum gesundheitswesen. Price weiss, dass menschen mit HIV unter therapie und mit einer virenlast unter der nachweisgrenze nicht mehr ansteckend sind. Ihr geht’s nicht um medizinische fragen, sondern um politik, um einsparungen im gesundheitswesen.

Der zugang zum gesundheitswesen ist DIE schlüsselvariable zur beendigung der AIDS epidemie.

Weltweit leben aktuell 36.7 millionen menschen mit HIV. Davon haben 19.5 millionen, also etwas mehr als die hälfte,  zugang zur  antiretroviralen therapie. 2.4 millionen mehr als ein jahr zuvor.

In ost- und südafrika, wo über 50 prozent aller HIV-positiven menschen leben, ist die anzahl an neuansteckungen bei erwachsenen weltweit am stärksten zurück gegangen, um fast 30 prozent seit 2010. Umgekehrt stieg die zahl an neuinfektionen in osteuropa und zentralasien allein in den letzten 5 jahren um ganze 60 prozent. Medizinisch können wir AIDS und HIV besiegen – die frage ist, ob der politische wille vorhanden ist, ALLEN menschen einen ungehinderten zugang zum gesundheitswesen zu verschaffen.

Also auch transgeschlechtlichen menschen. Trans* Personen haben weltweit einen erschwerten zugang zum gesundheitssystem – bei weit höheren gesundheitlichen risiken, zum beispiel sich mit HIV anzustecken. Gemäss einer studie aus dem jahre 2013 sind in den USA 22 prozent der trans* frauen HIV-positiv, die hälfte davon Schwarz/African American. Weltweit sind es 19 %. Trans* menschen haben ein im vergleich zur allgemeinbevölkerung 49fach erhöhtes expositionsrisiko.

Die gründe sind vielfältig: sozialer, wirtschaftlicher und juristischer ausschluss; hohes risiko für diskriminierungen und gewalterfahrungen; sexwork, auch ohne kondom; kein oder erschwerter zugang zu testing oder gesundheitssystem aufgrund stigmatisierung und transphobie; psychische probleme, drogen, obdachlosigkeit. Aber gender diverse ansätze haben noch kaum einzug in HIV-präventionsprogramme gehalten.

Aber nicht nur vergessen ist ansteckend, auch solidarität ist ansteckend.

„Mit HIV kann man leben. Mit diskriminierung nicht!“, so lautet der slogan einer aktuellen awareness-kampagne der deutschen aids-hilfe. Das gilt auch für die schweiz. In diesem jahr wurden der rechtsabteilung der AHS 118 diskriminierungsfälle gemeldet, so viele wie noch nie seit beginn der erfassung 2006. Die meisten davon in den bereichen sozialversicherungen, privatversicherungen und datenschutzverletzungen – also in staatlichen und öffentlichen institutionen.

Ich wünschte mir auch für die schweiz eine solche antiskriminierungskampagne. U =U, undetectable = untransmissible. Damit endlich alle wissen, dass menschen mit HIV in therapie nicht mehr ansteckend sind.

Wenn wir wollen, dass die HIV-infektionszahlen weiter sinken, müssen wir ALLE verfügbaren präventionsmethoden zum einsatz bringen und einen gang höher schalten. Nicht einzusehen ist bspw., wieso die schweiz noch immer zögert bei der einführung von HIV-heimtests. In D wissen gemäss DAH gegen 13’000 nichts von ihrer ansteckung. Das gilt auch für die schweiz. Und viele erfahren erst nach bis zu 3 jahren von ihrer ansteckung – wenn sich die ersten anzeichen von AIDS bemerkbar machen.

Ich bitte nun um eine schweigeminute im gedenken an die vielen tausend menschen, die ihr leben wegen aids auch im letzten jahr verloren haben: SOLIDARITÄT IST ANSTECKEND!

Noch ein wort zur kollekte: Ich freue mich sehr, dass wir die diesjährige kollekte der SWISS YOUTH POSITIVE GrOUP zukommen lassen dürfen. „Mit HIV kann man leben. Mit diskriminierung nicht!“

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