Jürg Bläuer hat ein offenes Ohr für Männer, die heimlich Männer lieben. Der MSM-Verantwortliche über das Leid der Männer, den Schmerz der Frauen und eine Gesellschaft, die immer noch konservativ ist.

Interview: Susanne Holz

Jürg Bläuer ist als MSM-Verantwortlicher (Männer, die auf Männer stehen) angestellt von drei kantonalen Fachstellen im Bereich sexuelle Gesundheit – dies in St. Gallen (50%), Luzern (10%) und Schwyz (10%). In St. Gallen leitet der frühere Theologe, Gymnasiallehrer und Kulturschaffende auch das Schulprojekt «Comout». Jürg Bläuer berät im Themenbereich Homo- und Bisexualität.

Jürg Bläuer, wie sieht Ihre Arbeit als MSM-Verantwortlicher aus?

Ich berate betroffene Männer, Jugendliche, aber auch Lehrpersonen, die ja immer wieder mit betroffenen Jugendlichen zu tun haben. Ich informiere Schulen genauso wie Sozialarbeitende oder Psychologen. Was ich noch gerne erklären möchte: MSM ist eigentlich ein epidemiologischer Begriff, der ganz wertneutral «Männer, die Sex mit Männern haben» meint. Er umfasst also geoutete Homosexuelle genauso wie Bisexuelle und solche, die sich nicht als schwul bezeichnen und trotzdem Sex mit Männern haben. Wird der Begriff hauptsächlich für nicht geoutete Männer verwendet, ist das im Prinzip falsch. Es ist bezeichnend, dass es kein Wort für Männer gibt, die nicht offen homosexuell sind – etwas Unsichtbares wird nicht benannt.

Was unterscheidet denn eigentlich einen bisexuellen Mann von jenem, der mit einer Frau zusammen ist, aber heimlich Sex mit Männern hat?

Nicht so viel, würde ich sagen. Beides ist gesellschaftlich nicht anerkannt. Unter den sogenannten MSM gibt es sowohl Bisexuelle als auch Homosexuelle, die geheiratet haben, um der Konvention zu folgen. So oder so, die Betroffenen leiden, weil sie ein Tabu leben.

Wie viele Männer haben Sex mit anderen Männern?

Wir gehen von 5 bis 10 Prozent der männlichen sexuell aktiven Bevölkerung aus. Regelmässig aktive MSM gibt es in der Schweiz wohl 80000.

Welche Probleme und Sorgen haben diese Männer?

Sie leiden generell unter der Stigmatisierung der Homosexualität in der Gesellschaft, unter Scheintoleranz und Ausgrenzung – immer noch, hier und weltweit. Verheiratete MSM leiden zusätzlich unter der belasteten Ehesituation, dem zusätzlichen Tabu … Homosexuelle sind zudem eine sehr heterogene Gruppe. Teilweise werden mit Frauen verheiratete MSM auch unter anderen Homosexuellen ausgegrenzt oder grenzen sich selber aus: Sie trauen sich nicht an Treffs. Diese Männer haben es schwer im Vergleich zu anderen Homosexuellen, weil sie nur ihre sexuellen Wünsche befriedigen, sonst aber isoliert sind. In meiner Beratung teilen die meisten MSM die gleichen Sorgen: Sie leben auf dem Land mit wenig Möglichkeit zur Offenheit.

Wie schwer fällt es den Männern, Beratung in Anspruch zu nehmen?

Speziell für verheiratete MSM gilt: Ist das Eis einmal gebrochen, schätzen sie den Kontakt zu mir als Fachperson, da sie sonst häufig nur auf Sexualität basierte Kontakte haben. Ich bin dann einer der Ersten, der sie akzeptiert, wie sie sind. Sie können Druck ablassen, ihre Situation schildern, sich angenommen fühlen. Die Beratung ist ein Baustein in einem Gefüge kleiner Schritte. Sie ist auch wichtig, weil sie dazu führen kann, sich auf Krankheiten testen zu lassen und medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, was bei geouteten Homosexuellen zum guten Ton gehört. Führen MSM ein geheimes Sexualleben, entfällt die Prävention oft. Hier sind auch die Hausärzte gefordert, ein offenes Ohr zu haben.

An wen können sich die betroffenen Partnerinnen wenden, für die ja auch eine Welt zusammenbricht?

Auch betroffene Partnerinnen können sich an die Fachstellen für sexuelle Gesundheit wenden. An die Paar- oder Eheberatung – hier verfüge ich über gute Kontakte zu Fachpersonen. Dann gibt es eine Organisation namens Hetera (www.hetera.ch), die wohl gerade einen Dienstagsklub zum Thema «Frauen von schwulen Männern» plant. Einzelne Frauen wissen seit Beginn der Beziehung von der Homosexualität ihres Partners, andere schauen weg und leiden still. Manche arrangieren sich, andere haben keine Ahnung von der Neigung ihres Mannes. Für alle betroffenen Frauen ist es eine grosse Herausforderung.

Worin sehen Sie die Lösung für diese Männer, Frauen, Paare?

Es braucht Begleitung durch Ehe- und Familienberatungen, psychologische Unterstützung aller Beteiligten, Klärung der sexuellen Orientierung. Es braucht die Enttabuisierung des Themas. Nur wenn die Gesellschaft tolerant ist und die Menschen ehrlich zu sich selber sind, gehen junge homosexuelle Männer und Frauen keine Ehe mehr ein in der Annahme, «schon noch auf die richtige Bahn zu kommen», oder beugen sich religiösem Druck, um den Schein zu wahren. Junge Menschen müssen sich mit ihrer sexuellen Orientierung beschäftigen können. Sie haben nach wie vor Angst, sich zu outen. Unsere Gesellschaft ist immer noch konservativ – das wurde mir bei der Leitung des Schulprojekts «Comout» bewusst. Es ist noch ein weiter Weg bis zur vollständigen Akzeptanz von Homosexualität.

Wie finden Betroffene zu Ihnen?

Oft übers Internet, teils erhalte ich telefonische Anfragen via Homepage.

Dieses Interview erschien in der Ostschweiz am Sonntag, 28. Mai 2017, und in der Zentralschweiz am Sonntag, 26. März 2017

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