Von Markus Stehle

„Im Jahr 1993 habe ich mich mit dem HI-Virus infiziert. 1998 ist Aids ausgebrochen, ich bin im letzten Stadium aidskrank.“ So beginnt Andrea mit der Erzählung ihrer Lebensgeschichte. Eine Geschichte, die sie an einem Donnerstagmorgen im Rahmen des „Projekt HIV“ der Aidshilfe St. Gallen-Appenzell erzählt – vor einer Gruppe von 15 Mädchen, in einem Klassenzimmer der Kantonsschule am Brühl. In einem Zimmer nebenan sitzt René Rohner vor einer zweiten Gruppe von Schülerinnen und spricht mit ihnen über seine Erfahrungen, sein Leben mit Aids.

Ihre Geschichte hat Andrea in den 12 Jahren, in denen sie bereits an diesem Projekt der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St. Gallen-Appenzell teilnimmt, sicher schon über 150 Mal erzählt. „Ich nehme jeden Tag Medikamente“, fährt sie fort. Sie habe zu spät mit der Medikation angefangen, als dass sie diese je wieder absetzen könnte. „Wenn ich die Behandlung absetzen würde, dann hätte ich innert Kürze wieder hunderttausende Viren im Blut.“ Die Schülerinnen lauschen gebannt. Es ist unschwer zu erkennen, dass sie noch nie mit derart unmittelbaren Erzählungen aus dem Leben einer Aidskranken und ehemaligen Drogenabhängigen konfrontiert waren.

Andrea holt weit aus, geht zurück zu den Anfängen ihrer Drogensucht. „In der Pubertät, mit zwölf, dreizehn Jahren, ging es los“, sagt sie. Damals brach ihre Familie auseinander – der Vater war weg, die Mutter kümmerte sich nicht mehr um sie und ihren Bruder. Sie habe begonnen, Hasch zu rauchen und zu „saufen wie ein Loch“. Nicht nur ein, zwei Bier pro Tag, sondern flaschenweise harten Stoff. „Ich hatte das Bedürfnis, mich ‚einzupacken‘. Zu vergessen, mich zurückzuziehen.“ Von allen Drogen, die sie nahm, habe ihr der Alkohol am meisten geschadet. Andrea leidet an einer Leberzirrhose, eine Folge des exzessiven Alkoholkonsums. „Im Gegensatz zu Heroin ist Alkohol überall erhältlich, das ist der Knackpunkt“, erklärt Andrea. „Ich lege euch ans Herz, seid vorsichtig mit dem Trinken.“ Dies sagt sie nicht mit mahnend erhobenem Zeigefinger, sondern mit der Überzeugung einer Person, die der Drogensucht ihr Bussgeld bezahlt hat.

Andrea lässt nichts aus. Ihre Schilderungen sind ehrlich und schonungslos. Sie erzählt vom Ausbruch der grossen Aidsepidemie Anfang der 90er Jahre. Wie sich „Tausende infizierten, vor allem bei den Schwulen und den Drogensüchtigen.“ Aids habe damals als eine Randgruppen-Krankheit gegolten, die Ausgrenzung HIV-Positiver sei massiv gewesen. Sie berichtet von der ersten grossen Aidspräventions-Kampagne. Wie sie damals am Marktplatz aus dem Bus ausstieg und zum ersten Mal ein „Stop-Aids“-Plakat sah. „Plötzlich, mit einem Schlag, war die Krankheit ganz offiziell da.“ Sie schildert ihr Abdriften in die Drogen, beschreibt den Alltag in der St. Galler Szene. Sie spricht über Beschaffungskriminalität, Dealer und Vermittler, über Freundinnen und „sogar Jungs“, die auf den Drogenstrich gingen. „Mich prostituieren“, sagt sie, „das habe ich nie gemacht – dort war die Grenze meines  Stolzes erreicht.“ Sie fährt unumwunden fort, wie sie sich täglich Drogen „reingeknallt“ hatte. Wie sie stets neue Einstechlöcher finden musste, weil die Venen zunehmend vernarbten. Es sei jeweils eine „Metzgete“ gewesen, bis sie endlich einen „Knall“ setzen konnte. Blut überall, gebrauchte Spritzen am Boden, eine „Riesensauerei“. Sie hätten sich zugrunde gerichtet, „es war eine komplette Misere“, fasst Andrea zusammen. Sie sei ein schreiendes, fluchendes Nervenbündel gewesen, geplagt von Gelbsucht, Abszessen und Eiterwunden. „Ich kann nicht mehr verstehen, wie wir uns diese Schandtaten antun konnten – ich hatte null Selbstliebe, null Selbstachtung.“ Die Schülerinnen erfahren auch etwas über die Nothilfeprojekte in den frühen Neunzigern – die kostenlose Abgabe von sauberen Spritzen, zum Beispiel – und den Beginn der Methadon-Abgabe. Diese sei ein Segen gewesen, sagt Andrea. „Ich musste nicht mehr fixen, nicht mehr den Drogen nachrennen.“ Viele Süchtige hätten dank des Methadons den Ausstieg aus der Drogenszene geschafft und zurück ins Leben gefunden.

Andrea erzählt auch von Paul, ihrem Partner, mit dem sie während 14 Jahren zusammen war und der an Aids starb, als sie 28 war. Sie erzählt von ihrer und Pauls Angst, die Medikamente zu nehmen, nachdem sie sich mit dem Virus infiziert hatten. Viele ihrer Freunde hätten die Tabletten eingenommen und die damals noch starken Nebenwirkungen der Medikamente seien gravierend gewesen. „Unsere Freunde hatten Durchfall, trockene Haut, verloren ihre Haare. Sie waren abgemagert und vegetierten dahin“, sagt sie. „Daher entschieden wir uns, die Krankheit laufen zu lassen.“ Auf den Gesichtern der Mädchen liegt Betroffenheit, als sie hören, dass Andrea fünf Jahre nach ihrer Ansteckung keine Helferzellen, kein Immunsystem mehr besass. „Ich hatte zweieinhalb Millionen HI-Viren in einem Milliliter Blut.“ Sie begann, sich richtig krank zu fühlen. Ihre Kräfte verliessen sie, Nägel und Haare wuchsen nicht mehr. Das war der Moment, in dem sie sich doch noch für die Medikamente entschied. Bei Paul, der ebenfalls mit der Medikation begann, war es zu spät. Seine Grundkonstitution sei zu schwach gewesen, sagt Andrea. Sie musste mit ansehen, wie er ihr „wegstarb“. Nach seinem Tod sei sie unter Schock und vor den Scherben ihres Lebens gestanden. „Ich hatte Aids, keinen Partner, kein Geld.“

All das erzählt Andrea ohne Verbitterung, ohne Wut und ohne Mitleid erheischen zu wollen. Ihre Formulierungen sind direkt und sie verharmlost weder die Vergangenheit noch die Gegenwart. Heute gehe es ihr so gut wie noch nie in ihrem Leben, sagt Andrea. Sie ist seit 16 Jahren clean und an ihre Aidserkrankung hat sie sich gewöhnt. „Ich habe gelernt, damit zu leben.“ Trotzdem ist da die Ungewissheit, wie lange die Medikation noch wirkt und die Virenlast tief hält. Der HI-Virus entwickelt sich fortlaufend weiter und wird im Laufe der Zeit immun gegen die Medikamente, die zurzeit gegen das Virus eingesetzt werden. Man müsse die Medikamente deshalb immer neu kombinieren, um das Virus „weiterhin austricksen zu können“, erklärt Andrea. Doch die Möglichkeiten, die verschiedenen Präparate immer und immer wieder neu zusammenzusetzen, sind begrenzt.

Es ist schwere Kost, die Andrea den Schülerinnen vorsetzt. Und trotz der vielen erschütternden Schilderungen gibt es ebenso viele schöne Momente während dieser Stunde. Immer wieder wird gelacht, wenn Andrea mit entwaffnender Ehrlichkeit und gelegentlich auch selbstironisch aus ihrem bewegten Leben erzählt. Die Atmosphäre im Schulzimmer ist entspannt, voll von gegenseitigem Wohlwollen und Respekt. Nachdem sie ihre Geschichte beendet hat, stellen die Schülerinnen Fragen, Andrea beantwortet sie. Und dann geben die Mädchen Rückmeldungen: Es sei eindrücklich, wie Andrea sich vor die Klasse gestellt habe, sagt eine der Schülerinnen. Sie habe es noch nie erlebt, dass jemand so offen erzählt. „Das braucht sicher viel Mut.“ Mut, der belohnt wird – die Mädchen sind sichtlich beeindruckt, bedanken sich für die ehrlichen Ausführungen. Es sei etwas ganz anderes, eine solche Geschichte einmal von einer betroffenen Person zu hören. „Ich wurde komplett in den Bann gezogen von dieser Geschichte“, resümiert eine Schülerin – das alles werde sie noch eine Weile beschäftigen. „Macht etwas aus eurem Leben, geniesst es. Ihr habt alles noch vor euch!“ Mit diesen Worten schliesst Andrea die Stunde ab und entlässt die Schülerinnen in die Pause.

„Diese Schulbesuche geben mir immer ein gutes Gefühl“, sagt Andrea, draussen vor der Schule. Zum einen sieht sie die Besuche als eine Gegenleistung an den Staat. „Ich arbeite nicht, beziehe IV.“  Mit ihrer Teilnahme am Projekt könne sie etwas zurückgeben. Zum anderen seien diese Lektionen aber auch Vergangenheitsbewältigung. Eine Möglichkeit, Ballast loszuwerden. „Ich bin froh, wenn ich meine Geschichte bei den Jugendlichen deponieren kann und sie etwas daraus lernen.“ Neben ihr steht René und nickt. Auch ihm gebe das Projekt sehr viel. Er mache etwas Sinnvolles, sei in Kontakt mit jungen Leuten. Dabei sehe er, dass die Jugend von heute eine sehr gute sei. „Sie hören zu, sind offen, begegnen mir mit viel Respekt und Freundlichkeit.“ Vor allem aber sei es schön zu sehen, dass er mit seiner Geschichte immer wieder zum einen oder anderen durchdringe, sagt er. Die Jungen würden die HIV- und Suchtproblematik aufgrund dieser Schulbesuche ganz anders wahrnehmen – denn in seinem und Andreas Falle stecke echte Erfahrung hinter den Erzählungen.

 

Das Schulprojekt „Menschen mit HIV“

Im Schulprojekt „Menschen mit HIV“ besucht eine Person mit HIV/AIDS eine Schulklasse und erzählt aus ihrem Leben. Die Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St. Gallen-Appenzell bietet das Projekt seit über 20 Jahren an und führt jährlich rund 70 Einsätze bei Oberstufen-Schulklassen im Rahmen der Sexualpädagogik durch. Ziel dieser Schulbesuche ist es, den Schülerinnen und Schülern einen Einblick in das Leben eines Menschen mit HIV/AIDS zu gewähren. Durch den unmittelbaren Kontakt zu einer HIV-positiven Person soll bei den Jugendlichen einerseits eine emotionale Betroffenheit geschaffen und dadurch Wissen mit Gefühlen verknüpft werden. Anderseits sollen Ängste und Vorurteile gegenüber Menschen mit HIV/AIDS abgebaut werden. Schliesslich geht es auch darum, den Jugendlichen die Folgen und Auswirkungen einer HIV-Infektion bewusst zu machen und die Krankheit in den Kontext der sexuellen Gesundheit zu stellen.

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